Attentat Florida – auch ein Medien-Desaster

 

claudiafischer

 

Ein Gast-Kommentar von Claudia Fischer, Nicht-Schaden-Initiative

 

Wieder in Attentat in einer Schule, diesmal in Florida. Wieder sind Schüler.innen und Lehrer.innen gestorben, diesmal sind es 17 Tote. Inzwischen sind wir im obligatorischen Stadium der Fehlersuche. „Wie konnte das passieren?“, wird gefragt, und ob das FBI, die Eltern oder die Waffengesetze diese Morde hätten verhindern können. Genauso routiniert wie emotional gehen die Journalistinnen und Journalisten ihrer Arbeit nach. Business as usual, wenn es wieder irgendwo knallt.

Mir aber gehen die Berichte über Täter und Opfer nicht aus dem Kopf – im Fall der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland ist mal wieder wirklich extrem viel schief gelaufen. Unnötigerweise, denn wie es besser geht, ist längt bekannt.

Einerseits wird der Täter auf eine Bühne gehoben. Er bekommt das Forum, das er gesucht hat. Die mediale Berichterstattung lässt wenige Fragen offen, schildert ihn als Monster – auch die sozialen Medien leisten ganze Arbeit, ihm ein Forum zu geben. Dabei wissen wir längst, dass so eine Berichterstattung den Täter in bestimmten Kreisen heroisiert und andere animiert, genauso berühmt werden zu wollen, indem sie das Feuer auf Mitschüler.innen eröffnen.

Und gleichzeitig werden Kinder, die minderjährigen Opfer dieses Straftäters, die in Todesangst aus der Schule twittern und per WhatsApp um Hilfe flehen, dutzendweise von Journalist.innen angefragt, ob man ihre Fotos verwenden oder sogar direkt mit ihnen telefonieren dürfte. Schlimmer kann es kaum noch werden.

1999 war der Amoklauf an der Columbine Highschool in den USA, 2009 war der Amoklauf in Winnenden in Deutschland, und seitdem haben wir viele Erkenntnisse gewonnen. Es wurde geforscht, diskutiert, geschrieben und gefilmt – nicht zuletzt arbeiten wir in unseren NichtSchaden-Seminaren regelmäßig auch zum Thema Amokläufe mit unseren Teilnehmer.innen. (Literatur und Quellenverweise siehe unten).

Es ist frustrierend und entsetzlich zu sehen, wie wenig die Erkenntnisse beachtet werden. Erkenntnisse, die wir seit Jahren haben, über Nachahmungstaten und über Ethik im Umgang mit Opfern, Überlebenden und Angehörigen. Das Dart Center für Journalismus und Trauma an der Columbia Universität in New York, mit dem wir zusammen arbeiten, hat reagiert und eine Zusammenfassung aller Tip-Sheets, Checklisten und Hinweise für Amok-Berichterstattung auf seine Webseite gestellt.

Wir können Journalistinnen und Journalisten in Deutschland nur dringend ans Herz legen, sich mit den Erkenntnissen und Regeln für so eine Berichterstattung vertraut zu machen,

bevor

sie in so einem Fall ins kalte Wasser geworfen werden. Denn wenn der Ernstfall erst da ist, ist keine Zeit mehr dafür.

 

Materialien:

 

Die Webseite des Dart Centers (Englisch) mit Dutzenden hilfreicher Hinweise:

https://dartcenter.org/resources/mass-shooting-florida-school-reporting-resources

 

Die Dartcenter-Webseite auf Deutsch, an der wir mitgearbeitet haben, mit einer Fallstudie, persönlichen Berichten und Videos über das, was wir aus dem Amoklauf in Winnenden lernen sollten:

http://www.dartcentre.org/traumajournalismus/

 

Der Schulungs-Film von Petra Tabeling und Thomas Görger (beide Nicht-Schaden-Initiative), „Media Running Amok“, und wo er bestellt werden kann:

http://dartcenter.org/traumajournalismus/media-running-amok/

 

Die Webseite des Forschungsprojektes „Target“ („Tat- und Fallanalysen hochexpressiver zielgerichteter Gewalt“), für das dieser Film erstellt wurde:

https://www.target-projekt.de/index.php?id=2

 

Leseempfehlung: Ein sensibles Buch der Redaktion der Thüringer Zeitung über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 2002: „Der Amoklauf – 10 Jahre danach, Erinnern und Gedenken“, Herausgegeben von Hanno Müller und Paul-Josef Raue, Klartext-Verlag, Essen 2012 (vergriffen, aber vielleicht über Bibliotheken zu beziehen?)

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Variationen in der Scheune

Die Einladung zu der Ausstellung kam unverhofft – umso schöner: ab Freitag (8.) bis einschließlich Sonntag (10.) zeigt Dieter Schöddert eigene Fotografien bei „Kunst in der Scheune in Brühl“,  Arbeiten von Steffen Diemer, Steven Lopez und Bilder meiner Reihe „Variationen“, darunter auch Variation XII – Hintergrund des Plakats zur Präsentation.  .

Galerie p77a, Pingsdorfer Strasse 77a, 50321 Brühl

Geöffnet Fr. 14 -22h, Sa. 14-22h, So. 11-20h

 

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Vera Hilger – Teil II

Pulsar – das monumentale Gemälde der Aachener Malerin Vera Hilger – war lange „auf der Rolle“; vor einer Präsentation im Museum Van Bommel Van Dam in Venlo stellte sich die bange Frage: wie gut das das Bild die Zeit im Lager überstanden? Teil II der Reportage, für die ich die Künstlerin über zwei Jahre immer wieder begleiten konnte.

Ganz Alltägliches

 

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„Die meisten Reporter geraten in Situationen, aus denen sich andere zurückziehen – das kann ein Unfall sein, sogenannte Amokläufe, das kann ein Hausbrand sein, sie müssen über einen Menschen berichten, der eine Behinderung oder eine Krankheit hat. Es geht nicht immer um Krisen und Kriege, sondern um ganz Alltägliches und eigentlich sollte jeder Reporter wissen, wie er damit umgeht“ – Petra Tabeling im Gespräch mit Bärbel Röben in der neuen Ausgabe der dju / ver.di-Mitgliederzeitschrift M – Menschen machen Medien (01/2017) zum Konzept von Nicht schaden: „Damit das Thema „Trauma und Journalismus” eine größere Plattform bekommt, ist es wichtig, Kooperationspartner innerhalb der Branche zu gewinnen, mehr Unterstützung zu bekommen – auch von der Gewerkschaft, Journalistenverbänden oder Stiftungen.“