Fehler? Alle!

Die Auseinandersetzung mit der journalistischen Performance bei der Germanwings-Katastrophe dauert an. Bei einer Veranstaltung des Grimme-Instituts in Zusammenarbeit mit Presserat, der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in verdi-NRW und Landesanstalt für Medien NRW (LfM) in Düsseldorf brachte Mika Baumeister, ehemaliger Schüler der betroffenen Schule in Haltern und Autor eines vielzitierten Blogs, die journalistische Performance auf einen kurzen Nenner: „Nicht nur die Privaten sind die „Bösen”, (…) fast alle haben Fehler gemacht.” Petra Tabeling, Trainerin der Initiative Nicht Schaden und Podiumsteilnehmerin, warf die Frage auf, ob es in Gesprächen mit Betroffenen unmittelbar nach einem solchen Ereignis überhaupt verwertbare Informationen geben kann. Berichte zur Diskussion stehen auf den Seiten des Grimme-Instituts, der dju bei ver.di-nrw oder auch der Landesanstalt für Medien (LfM).

Original veröffentlicht am 25. Oktober 2015 auf Nicht Schaden.

Advertisements

Unverhofft…

…war das Treffen in Berlin. Eigentlich wollte ich nach der Pressekonferenz an der FU Berlin, bei der mein Schulungs-Film „media running amok ?“ vorgestellt wurde, gleich wieder zurück. Entstanden ist er über einen Zeitraum von zwölf Monaten im Rahmen des Forschungsprojekts Target. Dann aber war da zwischenzeitlich ein Anruf und die Gelegenheit, die Künstlerin Luisa Pohlmann kennenzulernen. So entstand vor ihrer Ausstellung – Für Abkürzungen haben wir keine Zeit (KuKuK, Aachen, 21. Juni bis 9. August) – das Video-Porträt Ost nach West. Ein schöner Shift und der vierte Film der Reihe 25pArt, in der ich Künstler mit der Kamera besuche.

Luisa Pohlmann – Für Abkürzungen haben wir keine Zeit from ThoGon Vimeo.

Der Film “ media running amok ? “ ist bei der FU Berlin für Fortbildungseinrichtungen und Schulungszwecke auf DVD erhältlich (einen Trailer gibt es hier). Ich verwende ihn zudem bei den „Nicht Schaden“-Seminaren, in denen drei weitere Trainerinnen und ich etwa Interview-Techniken aber auch Kriterien und Richtlinien für einen achtsamen, trauma-sensiblen Journalismus vermitteln. Dieses Konzept ging nach der Diskussion um die Germanwings-Berichterstattung aus der jahrelangen Zusammenarbeit mit dem Dart Centre Europe hervor.

Wie eine solche Vorbereitung wirkt, zeigte sich in der Redaktion der Aktuellen Stunde und von WDR aktuell während der Tage nach dem Absturz der Germanwings-Maschine. Buchstäblich in jeder Konferenz wurde das Thema: Was zeigen wir, was nicht, wohin gehen die Reporter, wen interviewen sie und wen nicht, wo halten wir Abstand oder schalten Kamera und Mikrofon ganz ab? diskutiert. Als die Bergung der Verstorbenen begann wurde nicht nur entschieden, viele Bilder nicht zu senden, es ging bis hin zu einer Sprachregelung, die sich am Respekt vor den Getöteten und ihren Angehörigen orientierte. Als die ersten Fotos des Co-Piloten auftauchten war das Feld bereitet für die Entscheidung: Kein Name, kein Bild.

Prof. Frank Urbaniok, Chefarzt des psychologisch-psychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich sagt sinngemäß in dem Film „media running amok ?“: Wir dürfen kein Interesse daran haben, die Massenmörder in einem intakten Umfeld zu zeigen. Bilder, die auch für einen Propaganda-Film der Täter taugen sind kritisch.

Hintergrund ist die Attraktion, die der mediale Tsunami mit Täterinfos auf jenen Bruchteil des Publikums ausübt, der möglicherweise – als Amoktäter oder auch politisch-religiös-verbrämter Terrorist – dadurch erst zu Nachahmern wird. Eine zurückhaltende Berichterstattung über die Mörder, sagt auch Nils Böckler, vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld, liefert nicht jene Bilder, Posen, Rechtfertigung und Faszination, die bei manchem eine schreckliche Entwicklung begünstigen.

Tatsächlich müssen wir uns fragen: Welche Information gibt mir der Name, was die Nachbarn („Das hätte ich nie gedacht, er war immer so freundlich…“), was ein Foto vom Halbmarathon oder einem USA-Aufenthalt? Benötige ich das, um den Ablauf der Tat zu rekonstruieren? Was ist wann wirklich wichtig, um das Motiv zu erläutern?

Vor allem aber: bedienen wir tatsächlich die Nachfrage unseres Publikums?

Dem Täter wird eine Bühne gegeben, sagen zwei junge Frauen, die die Morde in der Albertville-Realschule in Winnenden 2009 überlebten, er bekommt, was er will. Und andere, sagt Prof. Herbert Scheithauer von der FU Berlin, Verbundkoordinator des Target-Projekts, jene Bilder, die sie zwanghaft konsumieren, bis sie selbst einen ähnlichen Weg gehen.

Kein Name, kein Bild also – es waren die jahrelangen Schulungen, die der WDR in diesem Bereich veranstaltet, die dann, als es soweit war, diese Entscheidung erst ermöglichten. Die dafür nötige redaktionelle Grundhaltung war vorhanden, sie kann auch nicht erst in der Situation entstehen. Die positiven Reaktionen der Zuschauer belegen, dass die zurückhaltende Berichterstattung in den regionalen Sendungen nicht nur bemerkt sondern auch angenommen wurde.

Was das mit der Künstlerin Luisa Pohlmann zu tun hat? Zwei Tage war es im Umfeld der Film-Präsentation in vielen wichtigen und wertvollen Gesprächen um diese Themen gegangen, um die Frage, wie es gelingen kann, redaktionelle Reflexe und eingeübte Routinen aufzubrechen, wer solche Aus-und Fortbildungen noch bezahlen möchte und ob die öffentliche Mediendiskussion dieses Mal nachhaltiger wirkt. Das war auch der Sinn der Reise – doch eine Stunde später öffnet sich mir unerwartet die Tür zu der ganz anderen, farbenfrohen, anregenden Welt einer jungen Malerin – es ist ein großartiger Beruf.

Original veröffentlicht am 19. Juni 2015  auf thog-blog

Ohne Antworten

wir sind am 19. oktober zurückgeflogen. im gate des flughafens von port au prince nahm ich mit meinem mp3-spieler 90 minuten haitianisches radio auf. „radio guinée, native, natale“, viel musik, wahlkampfspots. wir bekamen nichts mit von der schleichenden seuche, die sich aus dem norden, aus st. marc, auf den weg gemacht hatte. die ersten nachrichten kamen am nächsten tag. dort, im departement artibonite, war ich bereits im april 2008 gewesen, hatte jean-robert saget, haitis botschafter in deutschland, und wolfgang groß, chef der hilfsorganisation humedica, begleitet in den monaten nach der hungerrevolte, als die lebensmittelpreise auf dem weltmarkt so stark angestiegen waren, dass viele sich mehl, öl, reis und bohnen nicht mehr leisten konnten. es ging dort um die folgen der landreform gegen ende des 20. jahrhunderts, um billige importe und das, was getan werden konnte.

abends hatte ich in dem einfachen haus von edouard vieux gesessen, unser gespräch gefilmt über seine familie und die vergangenheit der familie des ehemaligen landwirtschaftlichen großgrundbesitzers. über enteignungen, emigration, diktaturen, enttäuschte erwartungen, über zersiedelungen und brachliegende flächen, während die menschen hungern. immer wieder war das licht ausgegangen, aber der über achtzigjährige mann, auf dessen hocker am bett ein geladenes schrotgewehr lag, erzählte weiter, weil es immer so war mit dem strom und es ihm eigentlich auch längst nicht mehr auffiel

am nächsten morgen habe ich ihn erneut besucht, um mit seinem sohn zu den feldern zu fahren, die die familie noch hat und von denen einige verpachtet waren. ein paar landarbeiter hatten sich dort mit ihren familien in einer kleinen siedlung niedergelassen und vor ein paar wochen, als erntezeit war, waren drei bauern ermordet worden. die dunklen schatten der vergangenheit waren dort oben, wo das land so fruchtbar ist, noch nicht verblaßt.

aber davon sprachen wir nicht, als edouard vieux mir aus der kleinen aluminium-kanne einen espresso einschenkte. vielmehr sah ich nun bei tageslicht zum ersten mal durch die hintertür seines hauses hinaus. ich sah das meer. es war nicht irgendwo als streifen am horizont; im garten des nachbarhauses lag ein boot mit netzen und wenn der mann es zehn, zwanzig meter nach westen den strand hinunterzog schwamm es in der karibik. abends ging da die sonne unter und tauchte das elend von st.marc, dessen vergangener glanz wie ein lamento von den verfallenen fassaden klang, in ein versöhnliches, warmes licht.

es war ein moment, in dem mir der atem stockte angesichts der selbstverständlichen schönheit dieses landes und weil es auch einem besucher, einem beobachter schwer werden kann, angesichts dieser verheißung und der wirklichkeit. mag sein, dass solche momente männer wie den italiener luca dall’olio von der internationalen organisation für migration seit jahren in dem land halten, obwohl die aufgaben nicht geringer werden und andere, wie den kieler dirk günther von der welthungerhilfe nach jahrzehnten der entwicklungsarbeit „ich liebe haiti“ sagen läßt, obwohl es sicher dankbarere aufgaben gäbe.

einen solchen moment gab es wieder während der dreharbeiten im oktober. „den schönsten blick hat man vom hotel ibolele“ empfahl uns katja anger von der kindernothilfe, als wir sie nach einem guten standort für ein stadtpanorama fragten. sie hatte wohl recht. wie ein geschenk öffnete sich uns port au prince zwischen den bergen, dem meer. von hier oben sahen wir auf eine stolze stadt, verborgen im großen die not der millionen , die den besucher begleitet, sobald er in haitis hauptstadt angekommen ist; ein blick wie ein versprechen und doch eher eine utopie.

die stimmung huygens änderte sich. er war unser dolmetscher, 26 jahre alt. vor diesem gewaltigen panorama wurde er still, sein blick umflorte sich. dann setzten wir uns und bei einem saft auf der terrasse des ibolele, erzählte er von seiner hoffnungslosigkeit. es war ein eindringliches gespräch voll bitterkeit, resignation, trauer. eine zukunft, so glaubt er, wird er in haiti nicht haben und allein die verantwortung für seine familie, seine mutter und geschwister, hielt ihn, begabt, gut ausgebildet, im land.

wie es weitergeht, zum guten weitergeht, wie wiederaufbau, dezentralisierung, überhaupt das leben zu bewerkstelligen ist, auf diese fragen fanden wir bei den vielen gesprächen keine antworten, kaum mehr als vage theorien. es sind kleine erfolge; eine schule in einem bergdorf, nach ihrer zerstörung durch das beben wiederaufgebaut von den bewohnern. die kinder haben das wasser für den beton vom eine dreiviertelstunde entfernten fluß nach oben getragen, das holz, das eisen, die steine. aber werden sie bleiben, hier, wo das leben so mühsam und so einfach ist? jürgen schübelin von der kindernothilfe hofft das: „das leben hier“, sagt er, „ist besser als in der stadt,“ in port au prince, das schon vor dem beben nur ein elend bieten konnte, keine arbeit, keine wohnung, aber trotzdem ein magnet war. doch für wie viele und wo gibt es das land, um hunderte, tausende, zehntausende anzusiedeln ohne bestehende strukturen zu überfordern?

es gibt gemeinden, in denen bürgermeister land für den wiederaufbau ausweisen, grundstücke bereitstellen und mit den hilfsorganisationen zusammenarbeiten. wenn dann die ersten übergangshäuser (beispiele von care und asb) stehen, für viele mehr als sie zuvor hatten, kann das eine signalwirkung für die nachbargemeinden haben. die menschen dort könnten dann ihre vertreter fragen: warum nicht bei uns, hofft dirk günther, regionalkoordinator der welthungerhilfe. eine zivilgesellschaft, die wie das neue haiti aus den trümmern entsteht, das wäre sein wunsch für das land. und wann, wenn nicht jetzt, kann das geschehen, wo alle erwartungen entäuscht wurden, wo in den notlagern komitees das leben organisieren und so viele ngos (nicht-regierungs-organisationen) wie wohl sonst nirgends auf der welt im land sind und vielleicht ein beispiel geben können?

port au prince wieder aufzubauen wie es war, das geht nicht, sagt luca dall’oglio, leiter der iom-mission. die nächste katastrophe wäre programmiert in den schlecht befestigten hängen, den von überschwemmungen bedrohten gebieten. aber wohin, wenn nicht zurück dorthin? es fehlt an mitteln, dem politischen willen, vielleicht wird es nach den wahlen besser, wenn die geberländer wissen, mit wem sie es zu tun haben und vielleicht die finanzierungszusagen einlösen. aber bisher gibt es keinen masterplan, sagt dall’oglio.

dafür gab es stürme und gibt es nun die cholera. „wir können nicht mehr“, stand an dem zaun eines lagers. aber auch dieses banner wird inzwischen zerrissen sein.

eine übersicht über die maßnahmen zahlreicher hilfsorganisationen mit schwerpunkt nordrhein-westfalen gibt es auf der seite nrw hilft haiti, aktuelle nachrichten über die lage auf den seiten der erwähnten ngos

die wdr-reportage „haiti – die vergessene katastrophe“ (6. november, hier und heute unterwegs) ist als stream bei einslive zu sehen oder als video-podcast (noch) abrufbar.

Original veröffentlicht am 19. Juni 2015  auf thog-blog

Die andere Seite

sie hatte gefragt, wie es war, und ich wollte nicht lügen, sie hatte es mir ja auch längst angesehen: erniedrigend, sagte ich, es war erniedrigend. das also war das ausgleichs-training („du stellst kein rad ins wohnzimmer!“) und so blickte ich jetzt nicht von der aschenbahn im vorbeilaufen in die schwmmhalle; jetzt sah ich hinaus.

die fußstellung, von der der schwimm-meister sprach, kannte ich schon. sie sei nötig, wollte ich kraulen lernen, meinte er. im behandlungsraum des orthopäden wurde den menschen dagegen hoffnung auf heilung gemacht. das plakat an der wand zeigte fehlstellungen des fusses, diese hieß sichelstellung – und sollte der schlüssel zur speed und rechten lage im wasser sein? es war verstörend, doch ich ließ mir die beunruhigung nicht anmerken.

konstruktiv und einsichtig hatte ich um schwimmhilfen gebeten, mit denen ich üben wollte, weil brustschwimmen ja so auf die knie geht. sehr gut, meinte der schwimm-meister, das schaumstoffbrett müsste ich an fast ausgestreckten armen vor mir halten und dann mit den beinen aus der hüfte schlagen. es sei normal, wenn es nicht gleich klappt. außerdem mache der beinschlag nur etwa zehn prozent aus.

diese zehn prozent entsprechen in meinem fall wohl ziemlich genau der strömung, die durch die filteranlage im becken verursacht wird. sobald nämlich das wasser die energie des abstoßes vom beckenrand aufgenommen hatte, verharrte ich beinschlagend auf der stelle. manchmal, da bin ich mir wegen der position zum kachelmuster ziemlich sicher, ging es sogar rückwärts.

aber männer, die ihre schwächen nicht verbergen, bekommen beistand; so meinte ich bei der brustschwimmerin einen hauch von anerkennung ausgemacht zu haben, als sie mich das erste mal passierte: da steht einer zu seinem unvermögen, arbeitet hart, respekt! beim zweiten mal wirkte der blick dann aber schon eher amüsiert, beim dritten mal genervt und dann – sie schwamm ihre vierte runde während ich mich noch an der einen bahn abarbeitete – irgendwie angewidert. nun trug sie eine schwimmbrille, und ich kann mich ja irren, vielleicht war ich auch einfach nur im weg.

aber bitte, ich war guten willens. mit gelegentlichem scherenschlag schummelte ich mich über die 25-meter-bahn. abstossen, beinschlag, treiben, scherenschlag, beinschlag, treiben usw.. ich hatte zeit. einmal, zwischen all den überlegungen wie ich anders, besser und endlich mal – die sichelstellung korrigierend – überhaupt vorwärtskomme, dachte ich noch: so müssen sich männer fühlen, die gemüse grillen oder lehrer, die völkerball mit softbällen spielen lassen, irgendwie so … überlegen!

dann hörte ich den dialog zwischen einer mutter und deren tochter, die ohne schwimmhilfe ins becken wollte auf den langen letzten beiden metern vor der wende „du musst doch erst noch lernen,“ sagte die frau zum kinde, „das ist doch nicht so schlimm. guck mal, der mann da, der kann das auch nicht.“ ich mogelte mich (siehe oben) an den beckenrand, legte beherrscht das brett auf denselben, klemmte mir die schaumstoffrollen (pullboy) zwischen die beine und machte mich mit 90 prozent vortrieb aus dem armzug davon. wechselatmung immer nach drei zügen – „das,“ sagte eine inzwischen am beckenrand stehende schwimm-meisterin, als ich pausierte, „das sieht ja schon ganz gut aus“. ergeben griff ich wieder zum schwimmbrett,

„ist ja auch nicht leicht,“ sagte der schwimm-meister, als ich so nach einer stunde zu ihm ging, „das kann schon ein paar monate dauern; allein die atmung, jaja.“ dann nahm er die schwimmhilfen. doch bevor er sie wegbrachte sah er mich an; ich meine, er hätte ja nichts sagen müssen oder etwas wie „was machen sie denn sonst?“ sagen können – aber er sah mich nur kurz musternd an und meinte: „läufer, hm?!“

die 20er-karte für das hallenbad ist ein echtes schnäppchen. nur 2,40 statt 3,30 pro besuch – und dann auch noch mit guten ratschlägen – also, dass ist doch ein fairer preis, oder?

Original veröffentlicht am 12. Oktober 2009  auf thog-blog

Einer kam durch

„sie glauben ja gar nicht, was hier los ist, das reinste irrenhaus“, seufzt die sichtlich entnervte kassiererin auf nachfrage. nebenan erhielt eine junge frau gerade 955 € zurück und bezahlt mit ein paar scheinen aus dem bündel eine spielekonsole, die deutlich billiger war, als das laptop, das sie zurückgegeben hatte. jeder zehnte einkauf gratis wirbt die elektromarkt-kette. klingt ein bißchen wie jahrmarkt, das soll es wohl auch und weil das so ist, hat wahrscheinlich auch so mancher sein glück versucht. marketing mit hintersinn: statt zehnprozentiger preissenkung für alle das große los für jeden zehnten; so funktioniert der amerikanische traum, so funktioniert der lotto-jackpot. beide sind ungeheuer attraktiv und locken die massen. treffen solche umstände aber auf den aufgeklärten deutschen kunden und ist der zudem mit einer gewissen kaltschnäuzig- und dickfelligkeit ausgerüstet, dann kann das überraschende folgen haben. dann bringt eine junge frau den computer eben einfach zurück, wenn sie nicht gewonnen hat.

außerdem gibt es im land der verbraucherzentralen viele kunden, auf die jene eigenschaften zutreffen und deshalb sieht es so oder so ähnlich wohl in den mediamärkten in ganz deutschland aus. dutzende menschen mit unschuldigen gesichtern bringen ungeöffnete elektronik-artikel zurück und fordern mit stummem blick ihr geld von verkäufern, denen das eine ungeliebte, wesensfremde arbeit bereitet. das ausgerechnet die metro-tochter solch anarchischen zuständen die rollgitter öffnete ist ein vielversprechender start ins neue jahr, allemal unterhaltsamer als „det-iss-mein-laden“-mario.

„darf ich ihnen mal was sagen? sie wollten den computer nie bezahlen. sie haben keinen gratis-einkauf gewonnen und deshalb bringen sie ihn zurück“, hatte ein paar minuten zuvor ein verkäufer in der computerabteilung sicher zutreffend festgestellt und damit meine aufmerksamkeit erregt. sachlich, aber auch sehr direkt, versuchte er einen sehr jungen mann zu beschämen, sprach von missbrauch der kulanz, mahnte dessen stolz an, dessen rechtschaffenheit. der kunde aber sah ihn ungerührt an; etwa so wie ein kind, das sich nach dem schokoladen-massaker den tadel wegen der versauten kleider anhört; stumm, stoisch, zufrieden, denn es hatte ja, was es wollte – in diesem fall die chance, den nervenkitzel, das spiel. der mann sah also zu, wie der verkäufer, ihm weiter ins gewissen redend, gleichwohl die retoure verbuchte. dann nahm er die gutschrift für die kasse. so wie ein junges mädchen vor ihm; die hatte – wenigstens das, mag der verkäufer gedacht haben, wenigstens das – einen roten kopf.

doch dabei haben sich eigentlich alle an die spielregeln gehalten; rücknahme ungeöffneter, unbeschädigter ware versprach der markt. muss er zwar nicht, sorgt aber für gute stimmung und klingt kundenfreundlich. nur jetzt gerade nicht. denn die kunden kauften ein und warteten, bis es 22.30 uhr war und die gewinnzahl bekanntgegeben wurde – ist es die gleiche wie die maßgebliche ziffer auf dem eigenen einkaufszettel: geld zurück. stimmte sie aber nicht überein, kamen die enttäuschten am nächsten tag wieder. denn anders als auf dem jahrmarkt ist die niete kein wertloses stück papier sondern wertvolle hochtechnologie. also brachten sie das gerät gegen erstattung des kaufpreises zurück, tauschten es – je nach charakterfestigkeit oder moralischer überzeugungskraft des verkäufers – gegen ein kleineres oder etwas um, das sie wirklich brauchten, und nahmen die differenz zum kaufpreis des traumgeräts wieder mit. denn darum ging es ja auch: sich einen traum erfüllen, wenn ich schon mal die chance habe und ist sie nur eins zu zehn – ich bin doch nicht blöd!

„wenn gestandene leute uns etwas zurückbringen“, sagt die kassiererin zu mir ,“dann glaube ich denen gerne, dass sie es sich anders überlegt haben und erstatte den kaufpreis. aber da holen sich schüler und studenten handys für 600 euro oder ein laptop für 1500 und stehen dann am nächsten tag wieder auf der matte, wenn sie kein glück hatten.“ und deshalb gebe es jetzt geänderte regeln gegen die einer-von-zehnen-zockerei: nur noch umtausch von defekten geräten, ansonsten warengutschein über den kaufpreis, zumindest für einkäufe während der aktionstage, sagt sie, und zeichnet eine passage auf meinen kassenbon mit ihrem kürzel gegen. ob wirklich viele auf ihr glück und ein teures gerät spekuliert hätten, frage ich, während sie mir den zettel und das wechselgeld gibt; „klar“, sagt sie, „und einer von denen hat dann auch wirklich gewonnen.“ ich sehe auf den bon, dahin, wo sie ihr zeichen gemacht hat: auf die veränderung der umtauschregelung hingewiesen, steht da.

ein schelm, wer böses dabei denkt.

Original veröffentlicht am 7. Januar 2010  auf thog-blog

Auf Sicht

die wikinger, so habe ich mal gelesen, segelten zum großen teil auf sicht, als sie an den shetlands und faröern vorbei über island das drachenboot nach groenland steuerten. daraus eine parallele zu ziehen zwischen dem roten eric und dem kapitän eines airbus 320 in 12000 fuss über mitteleuropa ist reizvoll, führt aber eigentlich nicht weiter. fakt ist, dass die nordmänner einen posten auf dem eiland im atlantik aufbauten. die familien, die dort ansiedelten, hatten dann zeit, sich in schwermütigen, ewig anmutenden winternächten eine verwegene sprache mit gemeinheiten wie eyjafjallajökull und in heiteren, ewig anmutenden sommernächten schräge beiträge zum internationalen finanzgeschäft auszudenken.

beides kam mit macht über uns. und für beides muß der in ausgewogeneren tag-nacht-verhältnissen lebende mitteleuropäer dankbar sein. das eine zeigte, wie fiktives real wütet, das andere, der vulkan nämlich, räumt real mit fiktionen auf. ohnehin hatte ich den verdacht, dass die fluggesellschaften zwar auch wegen der täglichen verluste auf ein rasches ende des flugverbots drängen; vor allem aber damit niemand merkt, dass es ja auch ohne sie geht, sich gedanken macht, wie es künftig ohne sie gehen könnte oder gar erste schritte in diese richtung geht.

abgekoppelte welten

ein geschäftsmann etwa sagte in einer zuschauersendung auf wdr5, dass seine firma nun verstärkt auf telefon- und videokonferenzen setzen wird. das spare zeit und geld, sei zuverlässig und würde außerdem die entwicklung vorwegnehmen. denn mittel-, vielleicht sogar kurzfristig sei es ja ohnehin vorbei mit der vielen fliegerei.

sehr beachtenswert fand ich zudem die these von der abgekoppelten menschlichen welt, die darauf angewiesen ist, dass von ihr unbeeinflussbare systeme einfach funktionieren, die natur, vulkane oder sonnenwinde etwa. wenn sie das dann aber nicht tun, hilft auch der anruf bei der hotline nicht; im zweifel sagt der techniker dann nur das, was techniker in solchen fällen immer sagen: kann ich nix dafür, kann ich nix machen. irgendwie richtig und irgendwie traurig.

ein großhändler aus straelen am niederrhein – einem der größten umschlagplätze für obst, gemüse und blumen – zuckte auf meine frage, welche folgen die flugverbote für die warenströme haben werden, mit den schultern. eher keine, meinte er, aber deutsche blumenzüchter freuen sich möglicherweise, weil sie für ihre waren ein paar cent mehr bekämen.

und hier treffen sich erneut das abstrakte und die realität. in den paar cent mehr bei den auktionen wird nämlich klar, dass blumen aus afrika gar nicht billiger sind als rosen vom niederrhein. bislang löste sich ein teil des tatsächlichen preises allerdings auf, er verschwand mit den kondensstreifen am gestreiften himmel: wir bezahlen mindestens mit lebensqualität, mit einem stück gesunder umwelt. wer würde die preiswerten blumen kaufen wenn es hieße: die kriegen sie zu einem euro, dafür komme ich am wochenende vor ihr haus, haue zwischen 6 und 22 uhr alle fünf minuten auf die pauke und rieche dabei komisch? eben. nun aber ist etwas nicht stoffliches in harter währung zählbar, in egelsbach bei frankfurt, ratingen bei düsseldorf und refrath bei köln oder in all den anderen einflugschneisen zu unseren flughäfen: der preis der luftverschmutzung, der stille, des ungestörtseins.

der preis des verlorenen

und da schließt sich ein kreis und wir sind wieder in island. ungestörtsein und -bleiben hat dort nämlich einen hohen wert. nicht nur für die menschen, die sich zwischen eis und erruptionen ja recht unkompliziert aus dem weg gehen können. beim bau von straßen nimmt der isländische bulldozer nicht den kürzesten weg, sondern den freundlichsten. in manchen felsen hausen nämlich, heißt es, elfen und damit die nicht ihre heimstatt verlieren und böse werden (was isländische elfen wegen winter, sommer und so weiter ohnehin eher schon mal sind), führt die straße einfach drumrum. die zuständige straßenbaubehörde verlässt sich dabei auf ein paar menschen, die mit ihren besonderen fähigkeiten die verborgenen völker auch sehen können und zu rate gezogen werden, wenn wieder mal ein monolith im weg liegt.

ha, könnte der kritiker jetzt sagen, das bild fortgesetzt sind die autos die flugzeuge, die straßen die kondensstreifen und die elfen ärgern sich jetzt beim kaffee auf ihrer terrasse im lavagestein über die störung.

nun, halte ich dagegen, von der welt der elfen weiß ich nichts aber das ist ein schönes beispiel von achtsamkeit und davon, dass auch in unserer welt manches, das wir nicht sehen können, einen preis hat. für manche ist er nun erfahrbar, spätestens wenn das flugverbot wieder aufgehoben ist. vielleicht sind diese menschen dann die wirklich sehenden und würden lieber einen umweg gehen oder etwas mehr zahlen, wenn sie dafür nur wiederbekommen, was sie kurz einmal hatten.

Original veröffentlicht am 21. April 2010 auf thog-blog