Die andere Seite

sie hatte gefragt, wie es war, und ich wollte nicht lügen, sie hatte es mir ja auch längst angesehen: erniedrigend, sagte ich, es war erniedrigend. das also war das ausgleichs-training („du stellst kein rad ins wohnzimmer!“) und so blickte ich jetzt nicht von der aschenbahn im vorbeilaufen in die schwmmhalle; jetzt sah ich hinaus.

die fußstellung, von der der schwimm-meister sprach, kannte ich schon. sie sei nötig, wollte ich kraulen lernen, meinte er. im behandlungsraum des orthopäden wurde den menschen dagegen hoffnung auf heilung gemacht. das plakat an der wand zeigte fehlstellungen des fusses, diese hieß sichelstellung – und sollte der schlüssel zur speed und rechten lage im wasser sein? es war verstörend, doch ich ließ mir die beunruhigung nicht anmerken.

konstruktiv und einsichtig hatte ich um schwimmhilfen gebeten, mit denen ich üben wollte, weil brustschwimmen ja so auf die knie geht. sehr gut, meinte der schwimm-meister, das schaumstoffbrett müsste ich an fast ausgestreckten armen vor mir halten und dann mit den beinen aus der hüfte schlagen. es sei normal, wenn es nicht gleich klappt. außerdem mache der beinschlag nur etwa zehn prozent aus.

diese zehn prozent entsprechen in meinem fall wohl ziemlich genau der strömung, die durch die filteranlage im becken verursacht wird. sobald nämlich das wasser die energie des abstoßes vom beckenrand aufgenommen hatte, verharrte ich beinschlagend auf der stelle. manchmal, da bin ich mir wegen der position zum kachelmuster ziemlich sicher, ging es sogar rückwärts.

aber männer, die ihre schwächen nicht verbergen, bekommen beistand; so meinte ich bei der brustschwimmerin einen hauch von anerkennung ausgemacht zu haben, als sie mich das erste mal passierte: da steht einer zu seinem unvermögen, arbeitet hart, respekt! beim zweiten mal wirkte der blick dann aber schon eher amüsiert, beim dritten mal genervt und dann – sie schwamm ihre vierte runde während ich mich noch an der einen bahn abarbeitete – irgendwie angewidert. nun trug sie eine schwimmbrille, und ich kann mich ja irren, vielleicht war ich auch einfach nur im weg.

aber bitte, ich war guten willens. mit gelegentlichem scherenschlag schummelte ich mich über die 25-meter-bahn. abstossen, beinschlag, treiben, scherenschlag, beinschlag, treiben usw.. ich hatte zeit. einmal, zwischen all den überlegungen wie ich anders, besser und endlich mal – die sichelstellung korrigierend – überhaupt vorwärtskomme, dachte ich noch: so müssen sich männer fühlen, die gemüse grillen oder lehrer, die völkerball mit softbällen spielen lassen, irgendwie so … überlegen!

dann hörte ich den dialog zwischen einer mutter und deren tochter, die ohne schwimmhilfe ins becken wollte auf den langen letzten beiden metern vor der wende „du musst doch erst noch lernen,“ sagte die frau zum kinde, „das ist doch nicht so schlimm. guck mal, der mann da, der kann das auch nicht.“ ich mogelte mich (siehe oben) an den beckenrand, legte beherrscht das brett auf denselben, klemmte mir die schaumstoffrollen (pullboy) zwischen die beine und machte mich mit 90 prozent vortrieb aus dem armzug davon. wechselatmung immer nach drei zügen – „das,“ sagte eine inzwischen am beckenrand stehende schwimm-meisterin, als ich pausierte, „das sieht ja schon ganz gut aus“. ergeben griff ich wieder zum schwimmbrett,

„ist ja auch nicht leicht,“ sagte der schwimm-meister, als ich so nach einer stunde zu ihm ging, „das kann schon ein paar monate dauern; allein die atmung, jaja.“ dann nahm er die schwimmhilfen. doch bevor er sie wegbrachte sah er mich an; ich meine, er hätte ja nichts sagen müssen oder etwas wie „was machen sie denn sonst?“ sagen können – aber er sah mich nur kurz musternd an und meinte: „läufer, hm?!“

die 20er-karte für das hallenbad ist ein echtes schnäppchen. nur 2,40 statt 3,30 pro besuch – und dann auch noch mit guten ratschlägen – also, dass ist doch ein fairer preis, oder?

Original veröffentlicht am 12. Oktober 2009  auf thog-blog

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