Unverhofft…

…war das Treffen in Berlin. Eigentlich wollte ich nach der Pressekonferenz an der FU Berlin, bei der mein Schulungs-Film „media running amok ?“ vorgestellt wurde, gleich wieder zurück. Entstanden ist er über einen Zeitraum von zwölf Monaten im Rahmen des Forschungsprojekts Target. Dann aber war da zwischenzeitlich ein Anruf und die Gelegenheit, die Künstlerin Luisa Pohlmann kennenzulernen. So entstand vor ihrer Ausstellung – Für Abkürzungen haben wir keine Zeit (KuKuK, Aachen, 21. Juni bis 9. August) – das Video-Porträt Ost nach West. Ein schöner Shift und der vierte Film der Reihe 25pArt, in der ich Künstler mit der Kamera besuche.

Luisa Pohlmann – Für Abkürzungen haben wir keine Zeit from ThoGon Vimeo.

Der Film “ media running amok ? “ ist bei der FU Berlin für Fortbildungseinrichtungen und Schulungszwecke auf DVD erhältlich (einen Trailer gibt es hier). Ich verwende ihn zudem bei den „Nicht Schaden“-Seminaren, in denen drei weitere Trainerinnen und ich etwa Interview-Techniken aber auch Kriterien und Richtlinien für einen achtsamen, trauma-sensiblen Journalismus vermitteln. Dieses Konzept ging nach der Diskussion um die Germanwings-Berichterstattung aus der jahrelangen Zusammenarbeit mit dem Dart Centre Europe hervor.

Wie eine solche Vorbereitung wirkt, zeigte sich in der Redaktion der Aktuellen Stunde und von WDR aktuell während der Tage nach dem Absturz der Germanwings-Maschine. Buchstäblich in jeder Konferenz wurde das Thema: Was zeigen wir, was nicht, wohin gehen die Reporter, wen interviewen sie und wen nicht, wo halten wir Abstand oder schalten Kamera und Mikrofon ganz ab? diskutiert. Als die Bergung der Verstorbenen begann wurde nicht nur entschieden, viele Bilder nicht zu senden, es ging bis hin zu einer Sprachregelung, die sich am Respekt vor den Getöteten und ihren Angehörigen orientierte. Als die ersten Fotos des Co-Piloten auftauchten war das Feld bereitet für die Entscheidung: Kein Name, kein Bild.

Prof. Frank Urbaniok, Chefarzt des psychologisch-psychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich sagt sinngemäß in dem Film „media running amok ?“: Wir dürfen kein Interesse daran haben, die Massenmörder in einem intakten Umfeld zu zeigen. Bilder, die auch für einen Propaganda-Film der Täter taugen sind kritisch.

Hintergrund ist die Attraktion, die der mediale Tsunami mit Täterinfos auf jenen Bruchteil des Publikums ausübt, der möglicherweise – als Amoktäter oder auch politisch-religiös-verbrämter Terrorist – dadurch erst zu Nachahmern wird. Eine zurückhaltende Berichterstattung über die Mörder, sagt auch Nils Böckler, vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld, liefert nicht jene Bilder, Posen, Rechtfertigung und Faszination, die bei manchem eine schreckliche Entwicklung begünstigen.

Tatsächlich müssen wir uns fragen: Welche Information gibt mir der Name, was die Nachbarn („Das hätte ich nie gedacht, er war immer so freundlich…“), was ein Foto vom Halbmarathon oder einem USA-Aufenthalt? Benötige ich das, um den Ablauf der Tat zu rekonstruieren? Was ist wann wirklich wichtig, um das Motiv zu erläutern?

Vor allem aber: bedienen wir tatsächlich die Nachfrage unseres Publikums?

Dem Täter wird eine Bühne gegeben, sagen zwei junge Frauen, die die Morde in der Albertville-Realschule in Winnenden 2009 überlebten, er bekommt, was er will. Und andere, sagt Prof. Herbert Scheithauer von der FU Berlin, Verbundkoordinator des Target-Projekts, jene Bilder, die sie zwanghaft konsumieren, bis sie selbst einen ähnlichen Weg gehen.

Kein Name, kein Bild also – es waren die jahrelangen Schulungen, die der WDR in diesem Bereich veranstaltet, die dann, als es soweit war, diese Entscheidung erst ermöglichten. Die dafür nötige redaktionelle Grundhaltung war vorhanden, sie kann auch nicht erst in der Situation entstehen. Die positiven Reaktionen der Zuschauer belegen, dass die zurückhaltende Berichterstattung in den regionalen Sendungen nicht nur bemerkt sondern auch angenommen wurde.

Was das mit der Künstlerin Luisa Pohlmann zu tun hat? Zwei Tage war es im Umfeld der Film-Präsentation in vielen wichtigen und wertvollen Gesprächen um diese Themen gegangen, um die Frage, wie es gelingen kann, redaktionelle Reflexe und eingeübte Routinen aufzubrechen, wer solche Aus-und Fortbildungen noch bezahlen möchte und ob die öffentliche Mediendiskussion dieses Mal nachhaltiger wirkt. Das war auch der Sinn der Reise – doch eine Stunde später öffnet sich mir unerwartet die Tür zu der ganz anderen, farbenfrohen, anregenden Welt einer jungen Malerin – es ist ein großartiger Beruf.

Original veröffentlicht am 19. Juni 2015  auf thog-blog

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