Pretty Fuzzy

pretty-fuzzy-fb.jpgn

Neu in der Sammlung Landschaft, Licht und Leben

Advertisements

Eine gewisse Anspannung

PK LKA 1Foto: WDR

Den einfachsten Job hatte er gestern nicht. Als Uwe Jacob, Direktor des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts gestern an die Mikrofone trat, war ihm eine gewisse Anspannung anzumerken. Das Thema war vermint. Er mußte verkünden, was seine Behörde nach dem gescheiterten Attentatsversuch in Paris über den erschossenen Angreifer herausgefunden hatte.

Sieben verschiedene Identitäten, mit denen er sich jahrelang in Deutschland, Frankreich und Luxemburg aufgehalten hatte, ein langes Vorstrafenregister mit Diebstählen, Drogen- und Gewaltdelikten sowie sexualisierte Übergriffe gegen Frauen, eine Haftstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung, zwei selbstgemalte IS-Fahnen und schließlich ein möglicher versuchter Terrorakt. Der Mann vereinte danach in seiner Person so ziemlich alles, vor dem rechte Populisten warnen.

Uwe Jacob sollte nun also erklären, warum den Ausländerbehörden nicht früher aufgefallen war, dass sich hier einer nicht an die Regeln hält, lügt, damit durchkommt und erst die Ermittler der Düsseldorfer Behörde schaffen, was andernorts nicht gelang: den Schwindel aufzudecken. Wo er den Fehler im System der Registrierung sieht, mochte Jacob nicht sagen; ist auch nicht seine Aufgabe.

Dass der vermutlich aus Tunesien stammende Mann (offiziell gilt seine Identität noch nicht als hundertprozentig geklärt) außerdem nach langer, auch einschlägiger Vorgeschichte, zu einer Hatfstrafe verurteilt wird, die nach fünf Wochen Gefängnis endet (eine Untersuchungshaft, deren Länge nicht angesprochen wurde, müßte hinzugerechnet werden) – es war auch eine hübsche Rampe für eine Richterschelte; auch dieser Versuchung widerstand der LKA-Chef.

Andere werden da deutlicher: Erich Rettinghaus etwa, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, spricht im Interview vom lachenden Angeklagten und dem weinenden Polizisten. Wer nicht zuletzt den Artikel von Jörg Diehl und Roman Lehberger auf Spiegel online gelesen hat, mag verstehen, was genau er da meint. Ermittler beklagen immer wieder und seit Jahren, dass selbst Intensivtäter immer wieder und seit Jahren mit milden oder Bewährungs-Strafen davonkommen. Für Menschen, die Deutschland als „Beutestaat“ sehen, wie der Berliner Politologe Ralph Ghadban es einmal in einem vergleichbaren Kontext drastisch formulierte, ein Zeichen der Schwäche.

Nun sind Juristen ja nicht so abgekoppelt von Welt und Gesellschaft, dass Veränderungen in der kollektiven Meinung sie nicht erreichen und sich in Urteilen widerspiegeln. Das zeigte sich in puncto Sicherungsverwahrung, die Richter seit Anfang der 2000er Jahre deutlich häufiger verhängen, als zuvor. Die Formulierung von Bundesjustizminister Heiko Maas, niemand könne ihm sagen, dass die Zusammenrottungen in Köln nicht abgesprochen wurden, kann man vor diesem Hintergrund vielleicht als Aufforderung an die unabhängigen Richter verstehen, etwa den Ermessensspielraum bei der Verurteilung und Strafzumessung in den jetzt aktuellen Fällen auch in Richtung oberer Grenze zu nutzen.

Eines allerdings kommt in der aktuellen Diskussion um die von vielen Seiten geforderte „Härte des Rechtsstaats“ etwas kurz: Selbst wenn sie wollten – die von rechten Populisten geforderten langjährigen Haftstrafen, die eine Ausweisung und Abschiebung rechtfertigen, sind bei den in Köln und anderswo in der Silvesternacht geschehen Verbrechen gar nicht möglich. Der vielfach bemühte Begriff der sexuellen Belästigung existiert zwar im österreichischen Strafgesetzbuch, nicht aber vor deutschen Gerichten. Vergewaltigung, sexuelle Nötigung – das sind schwere Straftaten, eine erwachsene Frau, die von einem Mann oberhalb der Kleidung an intimen Stellen angefasst wird, darf sich im allgemeinen lediglich „beleidigt“ fühlen.

Es ist furchtbar für jene Frauen, die das durchleiden mußten, aber momentan grimmige Realität. Eine Verschärfung des Sexualstrafechts, die derzeit diskutiert wird, würde für die Betroffenen der Silvesternacht und ihren Anspruch auf gerichtliche Anerkennung des ihnen zugefügten Leids sowie Ausgleich in Form der Verurteilung des Täters wohl auch nichts ändern; Veränderungen in Gesetzen gelten nicht rückwirkend.

Ohnehin, auch das ein Teil der Wirklichkeit, wird es das größte Problem der Ermittler sein, den Männern – wie erforderlich – ihre Taten individuell nachzuweisen. Prozesse, die von Staatsanwaltschaften unter öffentlichem Druck mit mäßigen bis schwachen Beweisen angestrengt werden, sind eher ein Konjunkturprogramm für Strafverteidiger. Verurteilungen sind in diesen Fällen wohl kaum zu erwarten.

Das heißt nicht, dass die Polizei nicht versuchen muss, mit wirklich allen Mitteln die Taten aufzuklären; in Köln ermitteln inzwischen über 100 Polizisten in der Kommission „Neujahr“. Angesichts der chaotischen Situation in der Nacht aber sind Fahnder skeptisch, was die Beweislage in jedem Einzelfall angeht.

In der heftigen Diskussion und dem Furor angesichts der furchtbaren Ereignisse gehen andere Stimmen unter. Es waren nachdenkliche Momente an der Münsteraner Universität beim Gespräch mit dem Kriminologen Christan Walburg. Wir sprachen über die bekannten Tätergruppen, die Zahlen. Wir sprachen aber auch über Integration – und sie, sagt der Wissenschaftler – ist der wirksamste Schutz davor, dass ein Flüchtling, Asylbwerber oder Zuwanderer in die Kriminalität abrutscht.

Sozialarbeiter warnen: es ist der größte Fehler der Aufnahmegesellschaft, die ankommenden jungen Männer nur zu versorgen, ansonsten aber sich selbst zu überlassen. „Sie hängen dann genau mit denen ab, die uns schon seit Jahren Probleme machen,“ sagt einer, der nicht genannt werden will „das ist ja auch verständlich. Die sprechen die gleiche Sprache, das ist alles vertraut. Aber was lernen sie da?“

Integration vom ersten Tag an, Chancen öffnen, auf Grenzen bestehen, Teilhabe statt Ausgrenzung – wer neue kriminelle Laufbahnen verhindern will, sagt Christian Walburg, wird darum nicht herumkommen. Die Art wie eine Gesellschaft Zuwanderer aufnimmt, entscheidet am Ende auch darüber, wie sie sich in diese Gesellschaft einfügen.

Vielleicht hat diese Diskussion im Moment wenig Raum. Die Hintergründe des Pariser Angreifers, die Verbrechen der Silvesternacht sind so verstörend, dass aktuelle Fragen der inneren Sicherheit, der Registrierung und Identifizierung von Ankommenden, des Datenaustauschs zwischen den Aufnahmeeinrichtungen der Länder so viel dringlicher erscheinen. Die Diskussion über schnelle Verfahren und den sofortigen Beginn von Maßnahmen zur Integration braucht aber auch jetzt Raum; wird er ihr nicht gegeben, wird sie ihn sich nehmen.

 

Beiträge dazu in den Sendungen Aktuelle Stunde und westpol des  WDR-Fernsehens

Fehler? Alle!

Die Auseinandersetzung mit der journalistischen Performance bei der Germanwings-Katastrophe dauert an. Bei einer Veranstaltung des Grimme-Instituts in Zusammenarbeit mit Presserat, der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in verdi-NRW und Landesanstalt für Medien NRW (LfM) in Düsseldorf brachte Mika Baumeister, ehemaliger Schüler der betroffenen Schule in Haltern und Autor eines vielzitierten Blogs, die journalistische Performance auf einen kurzen Nenner: „Nicht nur die Privaten sind die „Bösen”, (…) fast alle haben Fehler gemacht.” Petra Tabeling, Trainerin der Initiative Nicht Schaden und Podiumsteilnehmerin, warf die Frage auf, ob es in Gesprächen mit Betroffenen unmittelbar nach einem solchen Ereignis überhaupt verwertbare Informationen geben kann. Berichte zur Diskussion stehen auf den Seiten des Grimme-Instituts, der dju bei ver.di-nrw oder auch der Landesanstalt für Medien (LfM).

Original veröffentlicht am 25. Oktober 2015 auf Nicht Schaden.

Unverhofft…

…war das Treffen in Berlin. Eigentlich wollte ich nach der Pressekonferenz an der FU Berlin, bei der mein Schulungs-Film „media running amok ?“ vorgestellt wurde, gleich wieder zurück. Entstanden ist er über einen Zeitraum von zwölf Monaten im Rahmen des Forschungsprojekts Target. Dann aber war da zwischenzeitlich ein Anruf und die Gelegenheit, die Künstlerin Luisa Pohlmann kennenzulernen. So entstand vor ihrer Ausstellung – Für Abkürzungen haben wir keine Zeit (KuKuK, Aachen, 21. Juni bis 9. August) – das Video-Porträt Ost nach West. Ein schöner Shift und der vierte Film der Reihe 25pArt, in der ich Künstler mit der Kamera besuche.

Luisa Pohlmann – Für Abkürzungen haben wir keine Zeit from ThoGon Vimeo.

Der Film “ media running amok ? “ ist bei der FU Berlin für Fortbildungseinrichtungen und Schulungszwecke auf DVD erhältlich (einen Trailer gibt es hier). Ich verwende ihn zudem bei den „Nicht Schaden“-Seminaren, in denen drei weitere Trainerinnen und ich etwa Interview-Techniken aber auch Kriterien und Richtlinien für einen achtsamen, trauma-sensiblen Journalismus vermitteln. Dieses Konzept ging nach der Diskussion um die Germanwings-Berichterstattung aus der jahrelangen Zusammenarbeit mit dem Dart Centre Europe hervor.

Wie eine solche Vorbereitung wirkt, zeigte sich in der Redaktion der Aktuellen Stunde und von WDR aktuell während der Tage nach dem Absturz der Germanwings-Maschine. Buchstäblich in jeder Konferenz wurde das Thema: Was zeigen wir, was nicht, wohin gehen die Reporter, wen interviewen sie und wen nicht, wo halten wir Abstand oder schalten Kamera und Mikrofon ganz ab? diskutiert. Als die Bergung der Verstorbenen begann wurde nicht nur entschieden, viele Bilder nicht zu senden, es ging bis hin zu einer Sprachregelung, die sich am Respekt vor den Getöteten und ihren Angehörigen orientierte. Als die ersten Fotos des Co-Piloten auftauchten war das Feld bereitet für die Entscheidung: Kein Name, kein Bild.

Prof. Frank Urbaniok, Chefarzt des psychologisch-psychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich sagt sinngemäß in dem Film „media running amok ?“: Wir dürfen kein Interesse daran haben, die Massenmörder in einem intakten Umfeld zu zeigen. Bilder, die auch für einen Propaganda-Film der Täter taugen sind kritisch.

Hintergrund ist die Attraktion, die der mediale Tsunami mit Täterinfos auf jenen Bruchteil des Publikums ausübt, der möglicherweise – als Amoktäter oder auch politisch-religiös-verbrämter Terrorist – dadurch erst zu Nachahmern wird. Eine zurückhaltende Berichterstattung über die Mörder, sagt auch Nils Böckler, vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld, liefert nicht jene Bilder, Posen, Rechtfertigung und Faszination, die bei manchem eine schreckliche Entwicklung begünstigen.

Tatsächlich müssen wir uns fragen: Welche Information gibt mir der Name, was die Nachbarn („Das hätte ich nie gedacht, er war immer so freundlich…“), was ein Foto vom Halbmarathon oder einem USA-Aufenthalt? Benötige ich das, um den Ablauf der Tat zu rekonstruieren? Was ist wann wirklich wichtig, um das Motiv zu erläutern?

Vor allem aber: bedienen wir tatsächlich die Nachfrage unseres Publikums?

Dem Täter wird eine Bühne gegeben, sagen zwei junge Frauen, die die Morde in der Albertville-Realschule in Winnenden 2009 überlebten, er bekommt, was er will. Und andere, sagt Prof. Herbert Scheithauer von der FU Berlin, Verbundkoordinator des Target-Projekts, jene Bilder, die sie zwanghaft konsumieren, bis sie selbst einen ähnlichen Weg gehen.

Kein Name, kein Bild also – es waren die jahrelangen Schulungen, die der WDR in diesem Bereich veranstaltet, die dann, als es soweit war, diese Entscheidung erst ermöglichten. Die dafür nötige redaktionelle Grundhaltung war vorhanden, sie kann auch nicht erst in der Situation entstehen. Die positiven Reaktionen der Zuschauer belegen, dass die zurückhaltende Berichterstattung in den regionalen Sendungen nicht nur bemerkt sondern auch angenommen wurde.

Was das mit der Künstlerin Luisa Pohlmann zu tun hat? Zwei Tage war es im Umfeld der Film-Präsentation in vielen wichtigen und wertvollen Gesprächen um diese Themen gegangen, um die Frage, wie es gelingen kann, redaktionelle Reflexe und eingeübte Routinen aufzubrechen, wer solche Aus-und Fortbildungen noch bezahlen möchte und ob die öffentliche Mediendiskussion dieses Mal nachhaltiger wirkt. Das war auch der Sinn der Reise – doch eine Stunde später öffnet sich mir unerwartet die Tür zu der ganz anderen, farbenfrohen, anregenden Welt einer jungen Malerin – es ist ein großartiger Beruf.

Original veröffentlicht am 19. Juni 2015  auf thog-blog